Ein Mordskerl

Jack hat seine erste Woche rum. Er hat bei einer Kanzlei angefangen. Es ist Freitag, und er hat früh Schluss gemacht. Henry hat auf ihn im Südpark gewartet, am Eingang, der zur Fünften Strasse hin liegt. Sie gehen eine Runde und halten sich im Schatten der Bäume. Die Hitze wird erst später nachlassen.
„Warum gerade hier?“, fragt Henry, nachdem sie an die 500 Meter gegangen sind.
„Warum nicht?“, gibt sein Freund zurück, „es ist ein schönes Stück Erde.“
„Na“, sagt Henry, und er sieht sich um, „schlecht ist es nicht.“
Sie gehen schweigend weiter. Die meisten Bäume tragen wenig Laub, und sie halten sich dicht dran, weil die Sonne hoch steht, so hoch, wie es die Jahreszeit erlaubt, und man findet nur dicht unter den Bäumen ihren Schatten. Es ist ein harter Sommer gewesen, und die Bäume haben ihr Laub noch vor dem Herbst verloren. Das Laub liegt auf dem Weg, und dort, wo es die Männer, die den Park pflegen, zu großen Haufen zusammengerecht haben.
„Das ganze Laub“, sagt Jack, und er deutet auf einen der großen Haufen, „wo sie es wohl hinschaffen werden?“
„Na“, sagt Henry, „sie laden es auf Ihren Pritschenwagen, bevor der Frost kommt, und dann fahren sie es weg.“
Jack nickt. „Wird wohl ganz schön was zusammenkommen, dort, wo sie es hinfahren.“
„Ja“, stimmt Henry ihm zu, „wird ein Mordshaufen werden.“
Sie gehen ein gutes Stück, ohne das einer ein Wort sagt.
„Es wird wohl dieses Jahr keinen Herbst geben“, bricht Jack nach einer Weile das Schweigen, und er deutet abermals auf einen großen Haufen Laub. Es ist Ende Oktober, und der Sommer ist nach dem Kalender schon lange vorbei, und wenn es nach dem Kalender ginge, dann würde der Winter bald anfangen.
„Ja“, sagte Henry, „das ist ein langer, harter Sommer gewesen, ein Sommer, wie ihn noch keiner von uns erlebt hat.“
„Er wird wohl direkt in den Winter übergehen“, sagt Jack.
„Ja“, stimmt ihm sein Freund zu, „das wird er wohl.“
Sie gehen abermals ein gutes Stück, ohne das einer etwas sagt. Jack sucht mit seinen Sohlen die Blätter, die auf dem Weg liegen, und sie knistern und brechen, wenn er auf sie tritt.
„Und, was halten sie von dir?“, fängt Henry nach einer Weile an.
„Ich weiß nicht“, antwortet Jack, und er tritt auf ein Blatt, „was sollen sie schon von mir halten?“
„Na“, sagt Henry, „sicherlich halten sie dich für einen Mordskerl.“
„Ich weiß nicht, also ich würde darauf wetten, dass sie mich nicht erkennen, wenn sie mich hier sehen.“
„Was redest du“, sagt Henry, „du bist ein Mordskerl, und den erkennt man überall.“ Er weiß, dass es für Jack schwierig ist, weil er ein schwieriger Kerl ist, aber ein Mordskerl ist er allemal. Er will ihm Mut machen, aber er weiß nicht, wie er es anstellen soll, und er fühlt sich, nun ja, wie ein kleiner Schuljunge fühlt er sich irgendwie.
„So einen wie dich“, fährt er fort, „den finden sie nicht alle Tage.“
Sie kennen sich gut. Für Henry ist sein Freund schon lange nicht mehr schwierig. Aber für die anderen, für die ist er eben doch schwierig, und das zählt eben auch.
„Henry“, sagt Jack, „also es ist ja schön, dass du mir Mut machen willst, aber jetzt mal ganz im Ernst, also die haben mir nichts zu sagen, und ich habe denen auch nichts zu sagen.“
„Na“, sagt Henry, und er versucht weiterhin, seinem Freund Mut zu machen, „dann ist es ja eine ausgeglichene Sache.“
„Ich sage dir“, sagt Jack, „sie haben mich nicht erkannt, und zwar dort drüben.“ Er deutet auf eine Parkbank, die zwischen zwei Bäumen im Schatten steht. „Da habe ich gesessen, und sie kamen vorbei, und der eine hat mich angesehen wie einen Fremden.“
„Wir setzen uns hin“, schlägt sein Freund vor, „und dann können wir reden, und vielleicht kommen sie ja sogar vorbei.“
„Ach“, sagt Jack, „dann können wir darauf setzten, ob sie mich erkennen oder nicht.“
Sie gehen zur Bank und setzen sich. Eine ganze Weile lang sagt keiner von beiden ein Wort.
„Jack“, fängt dann Henry an, und seine Finger spielen mit einem Ast, den er von der Bank aufgelesen hat, „du bist ein Mordskerl, und früher oder später werden sie das mitkriegen, und so lange musst du eben durchhalten.“
„Ich werde es Ihnen nicht erzählen“, sagt Jack, „und so lange es sonst keiner tut, werden sie’s auch nicht mitkriegen, und überhaupt, was ist denn das, ein Mordskerl.“ Sie sagen beide nichts, denn einen Mordskerl, den kann einem keiner erklären, und schon allein die Frage nach einer Erklärung ist keine gute Sache.
„Wie sehen sie aus“, fährt Henry nach einer Weile fort, „wie gehen sie miteinander um? Komm jetzt, erzähl schon was.“
„Also ich setze einen ganzen Zehner“, sagt Jack, „dass sie mich nicht erkennen.“
„Ach was“, sagt Henry, „sie werden doch wohl nicht hier vorbeikommen, oder ist es vielleicht ihre Hausstrecke?“
Sein Freund antwortet nicht.
„Mensch Jack, ist es das, ist es ihre Hausstrecke?“
„Einen ganzen Zehner würde ich wetten, oder einen Zwanziger.“
„Verdammt Jack, die Kanzlei ist am anderen Ende der Stadt, und wenn das hier ihre Hausstrecke ist, dann wäre das ein verdammter Zufall.“
„Humbug“, sagt Jack, „es gibt keine Zufälle.“
Sie sagen eine Weile nichts. Ein gutes Stück entfernt beginnt ein Specht, seinen Schnabel in das Holz eines Baumes zu hämmern.
„Guck dir diesen verdammten Idioten an“, sagt Henry, und er deutet auf den Specht, „der baut sich ein Heim, obwohl ihm die Parkverwaltung hier Heime an die Bäume hängt, an die er mit seinem Werkzeug nie hinkommen wird.“
„Der baut kein Heim“, erwidert Jack, „der sucht nach Nahrung.“
„Na was auch immer er macht Jack, er ist ein Idiot, und du weißt, was ich damit sagen will.“
„Henry“, sagt Jack, und er weiß, was sein Freund damit sagen will, „ich werde das nicht mitmachen. Und wenn alles dabei zum Teufel geht, aber mit solchen Typen, da kann ich einfach nicht.“