Ein damenhaftes Getränk

Er ist allein. Henry wird später kommen. Nach seiner Arbeit, die heute reichlich gewesen sein wird, da das Wetter trocken war und weder zu kalt noch zu heiß. Gerade richtig, denkt Sailer, um anderer Leute Hecken zu schneiden, und um anderer Leute Laub zu rechen und all die anderen Arbeiten zu verrichten, für die andere Leute einen Gärtner bezahlen.
Er bestellt sich ein Bier und setzt sich an ein Ende des Tresens. Am anderen Ende des Tresens steht eine Kaffeetasse, und eine Handtasche. Wird sich wohl um eine Frau handeln, denkt Sailer, die auf der Toilette ist oder beim Telefonieren. Er wartet. Er nimmt einen Schluck von seinem Bier. Es ist ein gezapftes Bier, das trinkt er am liebsten. Sie wird eher beim Telefonieren sein, überlegt er weiter, auf die Toilette hätte sie wohl die Handtasche mitgenommen. Es ist eine sehr weibliche Handtasche, mit zwei steifen Schlaufen, die im halbkreisförmigen Bogen über der Tasche stehen, und mit einer Stickerei, die das Licht reflektiert. Im Grunde genommen, denkt Sailer, gibt es keine Handtasche, die nicht weiblich ist, aber es gibt eben welche, die sind es ganz besonders.
Vor ihm steht ein Aschenbecher, in dem Zigarettenstummel ausgedrückt sind. Er schiebt ihn von sich. Es ist noch zu früh für ihn, um mit den Zigaretten anzufangen. Sailer sieht sich um. Hinten an der Wand spielt jemand den Flipperautomaten. Am Tisch neben dem Fenster sitzt jemand und liest Zeitung. Der Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen hat Feuchtigkeit kondensieren lassen, die an dem Fenster haftet. Jemand hat eine Blume in die Feuchtigkeit gemalt. Ein herbstliches Ahorn-Blatt haftet über der Blume an der Scheibe. Er glaubt, dass es ein Ahorn-Blatt ist. Es ist kalt in Berlin, aber nicht zu kalt, und der Herbst geht in den Winter über. Sailer mag den Winter, weil er ihn für eine Jahreszeit hält, in der sich die Spreu vom Weizen trennt. Er mag die Kälte, und er mag es, wenn die Feuchtigkeit an den Fenstern zu Eis erstarrt und die Menschen zu Hause bleiben, weil sie den Winter für ihren Feind halten.
Der Kellner hinter dem Tresen spült Gläser und stellt sie mit der Öffnung nach unten zum Trocknen auf das Gitter neben der Spüle. Von der Durchreiche, die an sein Ende des Tresens anschließt und den Gastraum mit der Küche verbindet, hört Sailer Geräusche. Er erkennt das Geklapper von Geschirr. Porzellan, das aufeinandergestapelt wird. Besteck, das in den Besteckkasten geworfen wird. Die Stimme des Chefkochs, der Anweisungen gibt. Ab 18.00 Uhr werden Bestellungen entgegengenommen. Sailer sieht auf die Uhr an seinem Arm. Es ist 17.30 Uhr. Er schiebt den Aschenbecher noch ein wenig weiter von sich. Der Mann am Flipperautomaten wirft eine Münze nach. Der Mann am Fenstertisch legt die Zeitung beiseite. Die Eingangstür öffnet sich, und die Frau kommt herein. Sie sieht sich nicht um. Sie geht zielstrebig zu ihrem Platz an der Bar, öffnet die Handtasche und steckt ihr Mobiltelefon in die Tasche.
Es ist eine schöne Frau. Sie gefällt ihm. Sailer steigt von seinem Barhocker und geht zu ihr hin. Er nimmt sein Bier mit, und den Filzdeckel. Neben dem Barhocker, auf dem sie sitzt, ist ein weiterer, freier Barhocker. Er will sich zuerst setzen, bleibt dann aber stehen. Er fühlt sich sicherer, wenn er steht. Sie scheint keine Notiz von ihm zu nehmen. Sie gefällt ihm sehr, auch, wenn er nicht genau sagen kann, was es ist, das ihm an ihr gefällt. Er glaubt zu wissen, dass es noch etwas anderes als ihre Schönheit ist. Er stellt das Glas Bier neben ihre Kaffeetasse auf den Filzdeckel. „Sie gefallen mir“, sagt er, schiebt Deckel und Glas zur Seite und stützt sich mit seinen Ellenbogen neben ihrer Kaffeetasse auf dem Tresen auf. Die Tasse ist leer. Neben der Tasse steht der Zuckerstreuer. Sie zeigt keine Reaktion, und er beschließt, die Angelegenheit offensiv anzugehen. So, wie er die meisten seiner Angelegenheiten angeht. Es ist eher ein Reflex als ein Beschluss.
„Sie gefallen mir sehr“, sagt er und setzt sich neben sie auf den freien Barhocker, „ich will mit Ihnen schlafen.“ Er glaubt zu erkennen, dass sie zusammenzuckt. Aber er spürt keine Angst. Die würde er spüren. Er kennt die Angst, in all ihren Variationen. Du wirst es schon noch herausfinden, was dir an ihr gefällt, denkt er, früher oder später wird es sich zeigen. Er winkt dem Kellner und bestellt ihr einen Bloody Mary.
„Mit Eis, Herr Wirt“, fügt er hinzu, „denn ohne Eis ist ein Bloody Mary nur halb so gut.“ Er wendet sich zur Frau hin. „Und das wollen wir doch nicht.“ Er trinkt einen Schluck von seinem Bier. „Sie mögen doch wohl Bloody Mary?“, fragt er sie, als er sein Glas wieder abgestellt hat. Sie antwortet nicht. „Ich kenne keine verdammte Frau in diesem Land“, fährt er fort, „die keinen Bloody Mary mag, wenn er nur genug Eis hat.“ Der Kellner stellt ihr den Bloody Mary hin.
„Ja“, sagt sie unvermittelt und ohne ihn dabei anzusehen, und sie nimmt das Glas mit beiden Händen, „ich mag ihn, und ich will ihn lieber doppelt so gut.“ Ihre Stimme ist sehr hell, sie wirkt fast ein wenig hysterisch. Ihr Körper spricht nicht mit. Es ist nur ihre Stimme, die spricht.
„Sehen Sie“, sagt Sailer, jetzt wieder an den Kellner gewandt, „die Dame weiß, wie man einen Bloody Mary zubereitet.“ Er ignoriert den schrillen Ton in ihrer Stimme, und die Stummheit ihres Körpers fällt ihm nicht auf. Es ist die Angst, auf die er wartet, und auch, wenn es häufig so ist, dass eine schrille Stimme auf Angst zurückzuführen ist, so ist es in diesem Fall anders. Die Stimme ist schrill, aber auf eine so bedingungslose Art, dass die Angst nicht der Grund sein kann.
Der Kellner sieht sie beide an, erst ihn und dann sie, und man sieht an seinem Blick, dass er die Gäste, die in seinem Lokal verkehren, weder für Damen noch für Gentlemen hält.
Sailer sieht zu ihr hin und lächelt. „Wollen doch mal sehen, ob sie auch weiß, wie man ihn trinkt.“
Die Frau nimmt den Strohhalm aus dem Glas und legt ihn in den Aschenbecher. An den Filtern der beiden ausgedrückten Zigaretten ist Lippenstift. Er hat dieselbe Farbe wie die Lippen der Frau. Sailer sieht es und denkt sich, dass es für ihn immer noch zu früh ist, um mit Zigaretten anzufangen. Erst noch ein Bier oder zwei.
„Kennst du Henry Miller?“, fragt er die Frau und geht unvermittelt zum Du über. Sie nickt, ohne dass er es wahrnimmt. „Ich sage dir“, sagt er, und er hebt seinen Zeigefinger, um die Aussage zu betonen, „ich sage dir, dass dieser Mann keine Ahnung davon hat, was Sex ist.“
Sie sieht seinen Zeigefinger an. Ihr Blick folgt der Richtung, die er anzeigt, und sie stellt sich vor, dass er auf Henry Miller zeigt, und dass Henry Miller keine Ahnung von Sex hat, oder zumindest so wenig Ahnung, dass es eine Menge Männer gibt, die mehr Ahnung davon haben, und sie lacht bei dem Gedanken, weil Henry Miller jetzt da oben steht, und eigentlich von allem eine Ahnung haben sollte, und sie lacht auch, weil sie Sex für etwas hält, was mit Ahnung nichts zu tun hat.
Ihr Körper lacht nicht mit.
Der Mann, der ihr gegenübersitzt, hat sie vergewaltigt, als sie noch ein Kind war. Der Mann, der ihr gegenübersitzt, hat anderen Männern erlaubt, sie zu beschmutzen. Der Mann, der ihr gegenübersitzt, hat ihre Mutter betrogen. Der Mann erkennt sie nicht, weil sie damals noch ein Kind war. Schon möglich, denkt sie, dass er überhaupt noch nie eine Frau erkannt hat, sowenig wie man ein Stück Seife oder das Feuer eines Streichholzes erkennt. Sie sieht ihn nicht an. Sie hat ihn die ganze Zeit über nicht angesehen. Sie weiß, dass es er ist.
Er versteht ihr Lachen als Aufforderung und lacht mit. „Ich will mit dir schlafen“, sagt er lachend und schüttelt sich ein wenig, und er beugt sich zu ihr hin, „und wenn es nicht das ist, was du dir vorstellst, na dann können wir wieder aufhören damit.“
Sie setzt das Glas an ihre Lippen, trinkt es in einem Zug halb leer und stellt es weiter links wieder ab, wo die Entfernung zu Sailers Bierglas größer ist. Am oberen Rand des Glases bleibt etwas Lippenstift haften. Sailer nimmt sein Glas Bier, prostet ihr zu, ohne dass sie den Prost erwidert, und nimmt einen Schluck. Er sieht auf ihren Mund. Einen Scheißdreck werde ich tun, denkt er, wenn ich mal dabei bin, dann bleibe ich dabei, denn wenn es mir gefällt, dann gefällt es auch der Frau, und es wird mir gefallen. Er spürt die Vorfreude. Er weiß, dass es funktioniert. Es hat immer funktioniert. Er lächelt.
„Wie gesagt, wir können jederzeit wieder damit aufhören, wenn es nicht das ist, was du dir vorstellst.“ Er sieht sie an und wartet auf ihre Zustimmung. Sie stimmt ihm nicht zu. Sie trinkt von ihrem Bloody Mary.
„Darf ich mit dir schlafen?“, versucht er es nach einer Weile des Schweigens weiter. Sie antwortet nicht, weder mit ihrer Stimme, noch mit einer Geste ihres Körpers. „Ich muss mit dir schlafen“, fährt er fort, und er denkt sich, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt, und dass er sie jetzt bald soweit hat, denn wenn jemand etwas muss, dann kann ihm das keiner verwehren. Es ist wie ein Naturgesetz, dass hat er schon unzählige Male festgestellt. Sie trinkt ihr Glas leer und schiebt es von sich.
„Wo kämen wir denn da hin?“, fragt sie schließlich und es wirkt wieder sehr unvermittelt, und ihre Stimme ist noch eine Idee schriller, und sie sieht ihn nicht dabei an, „wo kämen wir denn da hin, wenn das alle müssten?“ Es ist wieder nur ihre Stimme, die spricht.
Verdammt, denkt er, was ist bloß mit ihrer Stimme los, ihre Stimme ist das einzige, was nicht zu ihr passt. Es irritiert ihn, auch wenn er noch nie etwas auf Stimmen gegeben hat, weder auf den Tonfall, wenn er nicht die Angst verrät, noch auf das, was sie sagen.
Er erkennt, dass er noch einen Schritt weiter gehen muss, um dahin zu kommen, wo er hin will, aber er weiß nicht, wie der Schritt aussieht, und auch das irritiert ihn. Ich muss sie hier rausmanövrieren, aus diesem Lokal, überlegt er, und es wird wohl darauf hinauslaufen, dass ich ihr klar machen muss, dass ich mich von allen anderen unterscheide. Na, denkt er, ich werde dort hinkommen, wo ich hin will, und es wird so sein, dass es keinen anderen Weg gibt, als den, den ich uns vorzeige, und es wird nicht lange dauern, und du mein lieber Engel, du kommst mit. Er winkt dem Kellner.
„Herr Wirt, einen Bloody Mary, und natürlich auf Eis.“
Der Kellner kommt wenig später mit dem Bloody Mary und stellt ihn vor die Frau auf den Tresen. Sailer schiebt ihm sein leeres Bierglas hin. „Das auch noch mal voll machen bitte, und wenn die Dame ihr Glas leer hat, dann machen Sie ihr ein neues.“ Der Kellner nimmt das leere Glas und nickt kaum merklich. „Haben Sie mich verstanden?“, will Sailer wissen, „ich will, dass diese Dame immer ein volles Glas Bloody Mary vor sich stehen hat.“ Der Kellner nickt noch einmal, und diesmal deutlicher. Er blickt erst Sailer und dann die Frau an. „Ich werde darauf achten“, fügt er hinzu und nickt noch einmal, und dann wendet er sich wieder seiner Arbeit hinter dem Tresen zu.
„Was ist schon eine Dame in einem Etablissement wie diesem hier“, sagt Sailer und umfasst mit einer Geste das gesamte Lokal, „ohne ein damenhaftes Getränk?“
Die Frage bleibt in den Raum gestellt. Die Frau antwortet nicht. Der Kellner wirft sich ein Handtuch über die Schulter und beginnt, die getrockneten Gläser von dem Gitter zu nehmen und in das Wandregal zu stellen. Die Weingläser poliert er mit dem Handtuch nach und sieht sie sich gut an, bevor er sie wegstellt. Er hält sie in das Licht der Deckenbeleuchtung und dreht und wendet sie, und es kommt vor, dass er ein Glas zweimal nachpoliert. Auch die Biergläser sieht er sich an, bevor er sie wegstellt, aber er poliert sie nicht. Es scheint, dass er für seine Aufgabe alle Zeit der Welt hat.
Sailer ist zufrieden. Er ist sich jetzt sicher, dass die Frau nicht ohne Getränk sein wird. Er wird sie betrunken machen. Ich könnte ihr Geld anbieten, überlegt er, vielleicht ist es das, was sie will. Aber lieber mache ich sie betrunken. Er sieht an ihr runter und stellt fest, dass die Kleidung, die sie trägt, die Kleidung einer Nutte sein könnte. Ein eng anliegende Hemd trägt sie, das keinen Ausschnitt hat, aber alles zeigt, was ein Mann an einer Frau begehrt, und es ist so kurz, dass man den Bauchnabel sieht, und dazu trägt sie eine enge Hose aus Jeansstoff, bei welcher der Bund oben weggeschnitten ist, und die so tief sitzt, dass er glaubt, die Farbe ihres Schamhaares zu erkennen, und Stiefel aus rotem Leder mit Absätzen trägt sie, die so groß sind wie ein Centstück. Vielleicht ist es das, überlegt Sailer, was mir an ihr gefällt. Aber er weiß, dass da noch etwas anderes ist. Er bietet ihr kein Geld an.
„Mit wem hast du vorher telefoniert?“, fragt er statt dessen, und er erkennt sofort, dass er die falsche Frage gestellt hat.
„Ich habe dich gesehen“, versucht er seine Frage zu erklären, „wie du mit dem Mobiltelefon hier rein bist.“ Er deutet mit einem Kopfnicken auf die Tür. Gleichzeitig sucht er nach der richtigen Frage. Es gibt viele Fragen, überlegt er, du musst nur eine finden, die richtig ist. Du musst sie hier irgendwie rauskriegen, überlegt er weiter, das wäre richtig. Sie zeigt keinerlei Reaktion, auch nicht auf die falsche Frage, und er denkt sich, dass sie vielleicht doch nicht verkehrt war. Vielleicht ist es das, worüber sie reden will. Der Anruf, der sie enttäuscht oder verletzt oder sonst wie berührt hat.
In diesem Moment geht die Tür auf, und Henry kommt in das Lokal. Er sieht sich um, sieht seinen Freund mit der Frau und kommt direkt auf sie zu. Er verbeugt sich kurz aber höflich zu der Frau hin. „Sailer“, sagt er dann zu seinem Freund und sieht dabei immer noch die Frau an, „du weißt doch, dass du bei solchen Frauen keine Chance hast.“ Dann wendet er den Blick seinem Freund zu. „Außer vielleicht, du hast sehr viel Geld.“
„Und wenn ich das habe?“ entgegnet sein Freund, „und sei es nur für den heutigen Abend?“
Es ist allen dreien klar, dass diese Frage nicht an den Freund, sondern an die Frau gerichtet ist. Die Frau reagiert nicht.
„Sailer“, erklärt sein Freund, „ich spreche von viel Geld, von sehr viel Geld, und das hat man nicht für eine Nacht.“
Die Frau leert ihren Bloody Mary. Der Kellner hat einen weiteren Drink vorbereitet und stellt ihn auf den Tresen. Er füllt mit einer Eisgabel Eis in das Glas.
Verdammt, denkt Sailer, er kommt mir in die Quere, jetzt, wo ich sie fast so weit habe. Einen von beiden muss ich schnellstens hier rausmanövrieren, und am besten die Frau. „Trinkst du einen mit?“, fragt er laut, „auch wenn es mich nicht sehr reich macht, dich einzuladen, so kann ich zumindest behaupten, dass es mich nicht arm macht.“ Er greift in eine Tasche seiner Hose und legt einige zerknitterte Hundert-Euro-Scheine auf den Tisch. Er nimmt einen Schein, klemmt jeweils ein Ende zwischen Daumen und Zeigefinger und glättet den Schein, indem er ihn über den Rand des Tresens zieht. Dann hält er ihn gegen das Licht und legt ihn zu den anderen Scheinen zurück.
Sein Freund bestellt ein Glas Bier.
„Flasche oder Hahn?“ will der Kellner wissen.
„Na gezapft“, antwortet Henry, „solange du deine Anlage sauber hältst.“ Er wendet sich an seinen Freund. „Unsaubere Leitungen sind das einzige, was einem gezapften Bier den Garaus machen kann.“
Sailer deutet mit einem Kopfnicken auf den Bloody Mary. Die Frau nimmt den Strohhalm aus dem Glas und legt ihn zu dem anderen Strohhalmen in den Aschenbecher.
„Es ist ein damenhaftes Getränk, auch ohne Strohhalm, findest du nicht auch?“ Der Freund nimmt das Glas Bier vom Kellner entgegen und hält es zu einem Prost in die Luft.
„Blutig oder nicht“, sagt er, „Maria war schon immer eine Dame.“
Ich muss Abstand zu ihm halten, denkt sein Freund, ich darf ihn nicht mit in dieses Gespräch ziehen, sonst läuft mir hier alles aus dem Ruder. Wie immer bei diesem Ausdruck denkt er an seine Zeit als Matrose zurück, als er all das Geld mit unsauberen Sachen gemacht hat. Es war viel Geld gewesen, zumindest für seine Verhältnisse, wenn auch nicht sehr viel Geld, und es war als Matrose so verdammt einfach gewesen. Alles, was man dazu braucht, ist eine gewisse Skrupellosigkeit, denkt er, aber ohne die tust du dich nicht nur als Matrose schwer, ohne die bist du ein Arsch im Wind.
Das Mobiltelefon klingelt. Die Frau nimmt es aus der Handtasche, zögert kurz, nimmt dann auch die Handtasche an sich und geht schnell durch die Tür nach draußen. Auf dem Weg dorthin nimmt sie den Anruf entgegen.
Die beiden Freunde sehen sich an.
„Ich würde vorschlagen“, sagt Sailer, „dass du ganz schnell das Bier austrinkst und dir dann ein anderes Lokal suchst.“
„Wir waren verabredet“, erwidert sein Freund, „und überhaupt, du hast bei solchen Frauen keine Chance.“
„Das Bier“, beharrt Sailer, „und dann lässt du uns allein.“
Sein Freund nimmt einen Schluck und antwortet nicht. Die Frau kommt zurück, und genau wie vorher sieht sie sich nicht um, sondern geht zielstrebig zu ihrem Platz an der Bar. Sie stellt die Handtasche auf ihren Barhocker und geht zur Toilette. Sailer tut einen Schritt auf die Tasche zu, biegt die steifen Schlaufen zur Seite und öffnet den Reißverschluss. Er passt auf, dass es der Kellner nicht sieht. Er gibt seinem Freund ein Zeichen, und der stellt sich zwischen Handtasche und Kellner. Sailer arbeitet schnell. Er nimmt jedes Teil einzeln raus und steckt es sofort wieder in die Tasche zurück. Am Boden der Tasche findet er einen Revolver. Er ist nicht einmal überrascht. Er weiß nicht, warum er nicht überrascht ist. Er greift mit beiden Händen in die Tasche und holt die Patronen aus der Trommel, ohne das er die Waffe dazu aus der Tasche nimmt. Er weiß, wie man so etwas macht. Er war Matrose. Es sind acht Kammern, und in jeder ist eine Patrone. Er zieht die Hände wieder aus der Tasche raus und steckt die acht Patronen ein, ohne dass sein Freund es bemerkt. Er weiß nicht, warum er will, dass sein Freund nichts davon mitbekommt. Ich will ihn da raushalten, denkt er, ich will diese Sache für mich. Sailer steckt die Patronen ein und setzt sich zurück auf seinen Platz. Irgend etwas stimmt hier nicht, überlegt er, erst nimmt sie die Tasche mit nach draußen, und jetzt lässt sie die Tasche hier stehen. Bedeutet das, dass sie jetzt will, dass ich den Revolver entdecke? Warum nicht vorher? Sie hat da draußen etwas erfahren, überlegt er, etwas, was sie veranlasst hat, die Handtasche stehen zu lassen, damit ich den Revolver entdecke. Sie hat da draußen telefoniert, zwei mal.
Die Frau kommt zurück. Sie setzt sich auf ihren Barhocker, ohne ihn anzusehen. Er spielt mit den Patronen in seiner Tasche. Er muss aufpassen, dass sie keine Geräusche machen, die ihn verraten. Er hat die linke Hand in der Tasche und hält die Patronen fest umschlossen. Mit der anderen Hand nimmt er das Bier. Er ist jetzt vorsichtig. Er ist im Vorteil. Und er fühlt immer noch die Vorfreude auf das, was ihn erwartet. Ich werde dorthin kommen, wo ich hin will, denkt er, und zwar sehr bald, und du kommst mit mir, mein Engel. Dennoch, er spürt, dass er nicht sicher ist. Etwas läuft verkehrt.
„Ich muss mit dir schlafen“, sagt er laut, „und wenn es nicht das ist, was du dir vorstellst, dann können wir auch wieder aufhören damit.“ Sie nickt, ohne das er es merkt. Sein Freund Henry beugt sich zu ihm hin. „Sie hat genickt“, sagt er leise, so, dass sie es nicht mitkriegt, „hast du es nicht gesehen?“ „Trink dein Bier aus“, gibt Sailer zurück, „sie ist gleich soweit.“ Henry trinkt sein Bier aus und stellt das leere Glas auf den Tresen. Ein Küchengehilfe geht durch das Lokal und legt Essenskarten auf die Tische. Die Frau winkt ihm und lässt sich eine Karte geben. Sie faltet die Karte zusammen und steckt sie in die Handtasche. Sailer beobachtet sie. Er weiß nicht, was er davon halten soll. Henry winkt dem Kellner und bestellt ein Bier. Sailer nimmt einen Geldschein und zieht ihn am Tresen glatt.
„Ich muss mit dir schlafen“, wiederholt er sich, und diesmal beobachtet er sie genau. Wenn sie nickt, wird er das sehen. Dann wird alles andere sehr schnell gehen. Sie nickt nicht. Sie sieht an ihm vorbei. Sie trinkt ihr Glas leer. Der Kellner stellt ihr ein neues hin.
Henry hat jetzt Abstand genommen. Er steht ein paar Meter abseits im Raum und mustert die beiden. Dann wendet er sich ab und gesellt sich zu dem Mann am Flipperautomaten.
„Willst du Geld“, fragt Sailer, und er beobachtet sie genau, „dafür, dass ich mit dir schlafen darf?“ Er kann keine Reaktion erkennen. Er ist irritiert. Nach seiner Erfahrung lässt die Aussicht auf Geld jeden reagieren. Etwas ist hier seltsam, und er weiß nicht was.
„Jede Frau ist eine Hure“, setzt er ihr auseinander, und er beobachtet sie weiterhin genau, „selbst eine Dame ist eine Hure.“ Er glaubt, sie zusammenzucken zu sehen, aber Angst spürt er keine. „Selbst eine Dame mit damenhaftem Getränk ist eine Hure“, fährt er fort, „es ist nur eine Frage des Geldes.“ Er nimmt einen der zerknüllten Scheine und streicht ihn am Tresen glatt. „Es gibt auch Frauen, die damenhafte Getränke trinken, aber keine Damen sind“, erklärt er, „aber es gibt kein Getränk, das nicht damenhaft wird, wenn es von einer Dame getrunken wird.“ Er legt die beiden geglätteten Scheine übereinander. „Zumindest ist das Getränk damenhaft,“, erklärt er weiter, „bis die Dame es ausgetrunken hat.“ Er sagt eine Weile nichts. Er würde die Sache gerne bald zu Ende führen. Aber er weiß nicht wie. Und das ist ungewohnt für ihn. Er ist irritiert. Die Frau sagt nichts. Weder mit ihrer Stimme, noch mit ihrem Körper.
„Es gibt sogar Damen“, fährt Sailer fort, „die ein Getränk für immer damenhaft machen, und das Getränk ist selbst dann damenhaft, wenn es nicht getrunken wird.“ Verdammt, denkt Sailer, was rede ich hier, und vor allem warum rede ich hier, sie reagiert nicht, keinen Deut tut sie reagieren. „Nimm zum Beispiel Greta Garbo“, sagt er laut, „sie hat den Martini zum damenhaftesten Getränk der Welt gemacht, ja ohne Greta Garbo wäre der Martini sicherlich schon ausgestorben.“
Er hält inne und sieht sich um. Es sitzen inzwischen einige Gäste an den Tischen. Sie sind in das Lokal gekommen, ohne das er es mitbekommen hat. Ich muss sie hier rauskriegen, überlegt er, bevor sich das Lokal füllt. Ich muss es tun, bevor es ein anderer tut, denn ich werde nicht der einzige sein, dem sie gefällt. Weiß Gott, vielleicht ist sie ja sogar verabredet. Sein Blick kehrt zu ihr zurück. „Du bist eine Dame“, sagt er, auch wenn er sich dessen nicht mehr sicher ist, und er deutet auf den Bloody Mary, „und dein Getränk ist ein damenhaftes Getränk.“
Sie nickt, und dieses Mal sieht er es, auch ohne dass er darauf geachtet hat.
„Lass uns gehen“, sagt sie, „bevor es sich einer von uns beiden anders überlegt.“
Es ist wieder nur ihre Stimme, die spricht. Ihr Körper bleibt stumm. Er ist überrascht. Nicht, weil er nicht damit gerechnet hat, dass sie mitkommt, aber er ist es nicht gewohnt, dass es die Frau ist, die entscheidet.
„Ja“, sagt er und winkt den Kellner heran, „letztendlich gibt es nichts auf dieser Welt, dessen man sich sicher sein kann, ist es nicht so?“
Sie antwortet nicht. Er hat keine Antwort erwartet. Er zahlt die Getränke mit einem von den glatten Scheinen. Die anderen Scheine steckt er zusammen mit dem Wechselgeld ein. Er lässt ein paar Münzen als Trinkgeld auf dem Tresen zurück. Sie nimmt ihre Handtasche und den Mantel, der unter dem Tresen an einem Haken hängt. Er hat weder Mantel noch Jacke. Er liebt die Kälte. Sie gehen, ohne dass er sich von seinem Freund verabschiedet. Henry spielt den Flipperautomaten und ist ganz konzentriert. Er sieht nicht, dass sie gehen. Auf der Straße bleiben beide stehen und drehen sich zur Eingangstür hin, wie um sich von dem Lokal und von dem, was sie mit dem Lokal verbinden, zu verabschieden. Die Frau zieht ihren Mantel über. Sie greift in ihre Tasche und schaltet das Handy aus. Er wendet sich zur Straße hin und nach rechts und geht los. Sie gehen schweigend nebeneinander her. Das Herbstlaub liegt auf der Straße. Es ist inzwischen dunkel geworden, auch wenn es in der Stadt nie wirklich dunkel wird. Die Luft trägt bereits die Feuchtigkeit und die Kälte der Nacht. Er fühlt die Kälte. Er mag das Gefühl. Er hat es schon immer gemocht. Er geht schweigend, und er versucht nicht, sich ihr anzunähern. Das kommt später. Er ist jetzt geduldig. Er weiß jetzt, dass er dorthin kommt, wo er hin will. Er greift mit der linken Hand in die Hosentasche und hält die Patronen fest umschlossen.
Sie fragt nicht, wohin sie gehen. Sie folgt ihm. So zielstrebig, dass ihn bald das Gefühl überkommt, von ihr geführt zu werden. Er testet es aus. Er geht langsamer. Sie passt sich seinem Tempo an. An der nächsten Kreuzung hält er inne. Er wartet darauf, dass sie den Weg wählt. Sie wählt ihn nicht. Sie bleibt an seiner Seite und wartet ab. Er wirft einen Blick auf ihren Körper. Der Körper verrät mit keiner Geste eine Absicht. Es ist ein schöner Körper. Ihre Augen sind geradeaus gerichtet. Er biegt nach rechts ab und geht weiter, und sie bleibt an seiner Seite, und ihn überkommt erneut das Gefühl, von ihr geführt zu werden.
Es ist nicht weit. Er wohnt in einem Zimmer zur Untermiete. Er zahlt die Miete monatlich in bar, an eine Frau, die ein paar Euro daran verdient. Das Geld, das er heute dabei hat, das sind zwei Monatsmieten. Das Fenster des Zimmers geht zu den Bahngleisen raus. Die Toilette ist auf dem Gang. Seit er kein Matrose mehr ist, lebt er billig. Es ist selten, dass sich für ihn noch ein Geschäft ergibt. Es ist schwierig für ihn geworden, seit er sich vor den Behörden versteckt. Wenn sie ihn kriegen, dann machen sie ihn fertig.
Sie gehen schweigend durch das Treppenhaus in den zweiten Stock. Er schließt die Tür auf. Sie bleibt auf der Schwelle stehen. Sie wirft einen Blick in das Zimmer. Das Bett ist eine Matratze. Einen Schrank gibt es nicht. Eine weitere Tür gibt es auch nicht. Es gibt das Fenster, durch das man die Bahngleise sieht. Sie dreht sich um.
„Ist das die Toilette?“, fragt sie, ohne dass sie auf die Tür deutet, die sich am Ende des Ganges befindet und sich zu allen anderen Türen unterscheidet.
„Das ist die Toilette“, bestätigt Sailer, „sie ist heute geputzt worden.“
Sie erschrickt. „Wann?“ will sie wissen, ohne dass sie ihn ansieht.
„Heute morgen“, gibt er zurück, „sie ist sauber.“
Ihre Mutter hat die Patronen vor einer Stunde versteckt. Die Putzfrau kann sie demnach heute morgen nicht gefunden haben. Sie geht auf die Tür zu, und Sailer verschwindet im Zimmer. Sie findet die Patronen an dem Platz, den ihr die Mutter angegeben hat. Sie nimmt den Revolver aus der Handtasche. Sie sieht, das die Patronen herausgenommen sind. Das bedeutet, dass sie damit rechnen muss, dass er sie erkannt hat. Sie füllt die Kammern auf, alle acht. Sie entsichert den Revolver und legt ihn wieder in die Tasche. Sie geht zurück in den Hausflur und auf die Zimmertür zu. Ihre rechte Hand greift nach der Waffe. Die Tür ist nicht abgesperrt. Sie öffnet die Tür und macht einen Schritt in das Zimmer. Sailer liegt auf der Matratze. Er raucht. Er hat eine Flasche in der Hand, die kein Etikett hat. Er setzt sie an und trinkt. An dem Gesicht, das er macht, als er die Flasche absetzt, erkennt sie, das es Schnaps ist. Er lächelt. Sie zieht den Revolver. Ohne Sailer aus den Augen zu lassen, schließt sie die Zimmertür ab. Der Schlüssel steckt von innen. Sie dreht ihn um, drückt die Klinke runter und vergewissert sich, dass die Tür abgesperrt ist. Sailer lächelt noch immer. Sie tut einen Schritt auf ihn zu.
„Weißt du noch, wie du immer Engel zu mir gesagt hast?“, fragt sie ihn.
Er schüttelt den Kopf. „Es gibt viele, zu denen ich Engel gesagt habe, und wenn du willst, kann ich es wieder tun.“
Er erkennt sie nicht. Er weiß nicht, um was es ihr geht. Für ihn geht es darum, mit dieser Frau zu schlafen. Er fühlt sich sicher. Er drückt die Zigarette auf dem Holzboden aus und nimmt einen Schluck aus der Flasche. Er hält ihr die Flasche entgegen.
„Es ist kein damenhaftes Getränk, und ein Glas habe ich auch nicht, aber es ist alles, was ich dir anbieten kann.“
Sie reagiert nicht auf sein Angebot.
„Du glaubst wohl, dass die Waffe nicht geladen ist?“, fragt sie ihn, und er nickt und holt die Patronen aus der Hosentasche. Er legt sie nebeneinander auf die Matratze. Es ist nach wie vor nur ihre Stimme, die redet. Ihr Körper verrät keine Absicht. Und falls sie eine Absicht hat, ist die Absicht ihm gleichgültig. Er will mit ihr schlafen, und er fühlt sich sicher.
„Wie oft kommen die Züge?“, will sie wissen.
„Um diese Uhrzeit alle paar Minuten“, antwortet er, und er nimmt eine Patrone zwischen Daumen und Zeigefinger und rollt sie vor und zurück. Die Angst, denkt er, wo ist sie bloß, ich kann sie nicht spüren.
Ein Zug fährt vorbei. Sie hebt den Revolver und hält ihn mit beiden Händen. Sie zielt auf sein Knie und schießt. Sie trifft den Oberschenkel. Sailer schreit auf. Sein Schrei übertönt das Rattern des Zuges. Er presst eine Hand auf die Wunde. Ein roter Fleck auf der Matratze wird schnell größer. Sie hat die Schlagader getroffen.
„Was soll das?“ Zwischen den zusammengebissenen Zähnen kommt seine Stimme kaum durch. Sie geht auf seine Frage nicht ein.
„Weißt du noch, wie dein Schwanz meinen Unterleib blutig gestoßen hat?“, will sie wissen.
„Es wird wohl deine Blutung gewesen sein“, erwidert er. Seine Stimme kommt stoßweise. Verdammt, denkt Sailer, was ist das bloß für eine Frau, die keine Angst kennt.
„Kleine Mädchen haben keine Blutung“, sagt sie, und ein Zug fährt vorbei. Sie schießt, ohne zu zielen. Die Kugel bohrt sich in den Boden. Holz zersplittert.
„Sag, dass du es noch weißt!“, fordert sie.
Sailer weiß es noch. Es ist lange her. Die Mutter durfte nichts wissen. Das kleine Mädchen ist groß geworden. Er sieht sie an. Er erkennt sie nicht. Der Schmerz trübt seinen Blick. Auch die Mutter kann er in ihr nicht erkennen. Er versucht, sich an die Mutter zu erinnern, und alles, an was er sich erinnern kann, ist der Geruch ihrer Haare, die immer gerochen haben, als wäre sie gerade aus der Dusche gestiegen. Er verliert das Bewusstsein. Ein neuer Schmerz holt ihn zurück. Ein Zug fährt vorbei. Sie hat ihm eine Kugel in den Bauch gejagt. Er weiß, dass er sterben wird. Er nimmt den Schnaps. Seine Hand zittert. Er trinkt.
„Sag, dass du es noch weißt!“, fordert sie, und es ist nur ihre Stimme, die spricht.
Einen Scheißdreck werde ich tun, denkt Sailer, und er nimmt noch einen Schluck, ich sterbe, und dieser Dreckskerl von einer Frau hat mich reingelegt. Er liegt da und trinkt und sucht eine Lösung, und er weiß, dass er keine finden wird. Einen Zug noch, vielleicht auch zwei, dann wird es vorbei sein, denkt er, aber ich werde nicht tun, was sie von mir fordert, und wenn es das letzte ist, was ich tue.
„Komm her“, sagt er, und seine Stimme ist kaum mehr zu hören, „komm her und lass deine Haare riechen.“
Er glaubt, sie zusammenzucken zu sehen. Sie wendet sich ab. Er sieht die Gelegenheit und versucht, sich zu erheben, doch er ist zu schwach. Er sinkt zurück auf die Matratze. Herrgott, denkt Sailer, nie warst du hilflos, in deinem ganzen Leben nicht, und jetzt bist du es, und das bedeutet, dass du stirbst. Na, überlegt er weiter, du wirst in einem elenden Loch verrecken, ein schweres Los für einen Matrosen, aber letztendlich ist es egal, denn als toter Matrose bist du nichts weiter, als ein toter Matrose. Er befühlt die Stelle, wo die zweite Kugel eingedrungen ist. Das Hemd ist nass. Er schüttet den Schnaps in die Wunde. „Nimm einen Schluck“, sagt er, „wir werden verrecken, du und ich, oder ich an dir, und das sollten wir begießen, weil es nicht sehr häufig vorkommt und somit eine Gelegenheit ist, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen.“
Dann kommt der Schmerz. Er hat sich nie vor Schmerzen gefürchtet, und er hat immer über die Menschen gelacht, die das tun, doch jetzt weiß er, dass es einen Schmerz gibt, über den man nur lachen kann, wenn man ihn nicht kennt. Ihm bricht der Schweiß aus. Er wird bewusstlos und wacht nicht mehr auf.